Die Radsportnation - Was ist das ?
Radsportnation - der Begriff wird oft in der öffentlichen
Diskussion verwendet. Eine genaue Bestimmung, was das denn sein
könnte, gibt es wohl nicht. Wir haben versucht, einige Kriterien
herauszustellen, die für uns eine Radsportnation ausmachen:
- Die Rennen
Der Star im Radsport ist weniger der einzelne Fahrer, sondern
vielmehr das Rennen selbst. Lange Tradition, landestypische
Streckenführung, viel Geschichte und eine beachtenswerte
Siegerliste zeichnen wichtige Strassenradrennen aus. Eine
richtige Radsportnation muss hier schon einiges bieten. Eng
damit verbunden sind natürlich die Fans.
- Die Zuschauer bzw. Radsportfans
Nicht allein die Gesamtzahl der Besucher eines Events ist
wichtig, auch seine Fachkenntnis und Begeisterung. Der Fan in
einer Radsportnation ist nicht irgendwie "zufällig" am
Streckenrand, er sucht sich die rennentscheidenden Steckenteile aus
und nimmt dabei oft grosse Reiseanstrengungen in Kauf. Er feuert
die Fahrer seines Landes an, ist aber anderen Konkurrenten
gegenüber fair. Er kann die Leistungen von Helfern und
vielleicht abgehängten Fahrern würdigen, egal woher sie kommen.
- Radrennfahrer und Radteams
Eine bedeutende Radsportnation bringt auch grosse Rennfahrer und
Teams hervor. Dabei zählen nicht allein die Siege, auch das
Verhalten während des Rennens und das gesamte sportliche
Auftreten machen die Stars aus. Die herausragenden Teams sind
nicht allein ihren Sponsoren gegenüber verantwortlich, sie
vertreten teilweise auch eine Region oder ein Land.
- Die Öffentlichkeit - Von Zeitung bis Fernsehen
In einer Radsportnation geht die Öffentlichkeit
respektvoll mit den Radsportlern und dem Rennen um. Sie hat es
nicht nötig, einen künstlichen Hype zu schaffen, aber sie
schreibt den Sport auch nicht in den Orkus, wenn
es mal Probleme gibt. Sie zeichnet sich durch Fachwissen sowie kritisch distanzierte, aber dennoch begeisterte
Berichterstattung aus.
Bei einer wirklichen Radsportnation sind diese 4 Kriterien
gegeben. Ganz konkret zählen wir dazu:
-
Frankreich
Mit Rennen wie der Tour de France, Paris-Nizza, Paris-Roubaix
oder Paris-Tours und einem Organisator wie der ASO ist
Frankreich klar die Radsportnation Nummer 1. Das
Zuschauerinteresse ist überragend, die journalistische
Begleitung etwa durch L’Equipe vorbildlich. Natürlich lassen
sich auch leicht grosse Rennfahrernamen finden, wie Octave
Lapize, Jacques Anquetil, Bernard Hinault, Laurent Fignon oder
Thomas Voeckler.
-
Italien
Mit dem Giro d'Italia und Klassikern wie Mailand-Sanremo oder
der Lombardei-Rundfahrt kann auch Italien einen vorderen Platz
bei den Radsportnationen beanspruchen. Die faire Begeisterung
der Zuschauer, etwa am Aufstieg zum Zoncolan, ist unübertroffen
und die Namen der überragenden Stars wie Alfredo Binda, Gino
Bartali, Fausto Coppi,Felice Gimondi, Francesco Moser, Gianni Bugno und Paolo Bettini sprechen für sich.
-
Belgien
Auch wenn eine ganz grosse Rundfahrt in Belgien fehlt, sind es
die spektakulären Frühjahrsklassiker, wie Flandern-Rundfahrt, Lüttich-Bastogne-Lüttich
oder Fleche Wallonne, die diese Radsportnation auszeichnen. Die
fachkundigen und begeisterten Zuschauer sind genauso zu erwähnen
wie
die bekannten Stars, allen voran Eddy Merckx.
-
Spanien
Die Vuelta a Espana oder der Klassiker Clasica San Sebastian
sichern auch Spanien eine Platz unter den Radsportnationen. Gerade
die Begeisterung im Baskenland und das Auftreten des Teams Euskadi-Euskatel zeigt die Begeisterung für den Radsport. Die
grossen Stars wie Miguel Indurain, Oscar Freire und Alberto
Contador sind dabei auch zu erwähnen.
Und Deutschland ? - Ein Kommentar
Als das Team Telekom, teilweise sogar gesponsert mit Zwangsgebühren der ARD,
sportliche Erfolge feierte, wurde der Öffentlichkeit
jeden Tag das "wir sind jetzt eine Radsportnation"
eingetrichtert.
Als es einige Probleme - verstärkt durch die unsachliche
Art der Berichterstattung - gab, schwenkten die
ehemaligen Hochjubler um in "der Radsport ist tot".
Radrennen, wie die Deutschland-Rundfahrt oder die
Rheinland-Pfalz Rundfahrt, mussten eingestellt werden,
andere konnten sich nur über die Verbindung zu
Jedermann-Rennen über die Runden retten.
Das Zuschauerinteresse, gerade direkt an den Strecken,
blieb trotz aller journalistischer Kampagnen, hoch. Auch
die Leistung der deutschen Spitzenfahrer kann sich nach
wie vor sehen lassen.
Insgesamt gesehen ist Deutschland heute keine
Radsportnation. Vielleicht war sie das bisher auch noch
nie.
Während weltweit der Radsport boomt, haben es die
Radsportenthusiasten in Deutschland zur Zeit nicht ganz
leicht.
Mit dem Aufkommen der neuen Medien, insbesondere der
Lifestream Rennübertragungen im Netz, steigen aber die
Chancen des Profiradsports wieder mehr Beachtung zu
finden.
Dass sich ARD und ZDF von der Tour de France -
Berichterstattung verabschieden, sollte eher als Vorteil
gesehen werden. Diese Art von Journalismus braucht doch
niemand.
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